Ostende

(13/06/2018)

Sommer der Dichter.

Ausgelassene Ferienstimmung im belgischen Nordseebad Ostende. Einige der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller sind vor Ort und genießen den Sommer, machen Urlaub. Doch die Idylle trügt, denn es ist das Jahr 1936, in Deutschland haben die Nazis die Macht übernommen und die Werke der meisten anwesenden Autoren gingen bei der Bücherverbrennung in Flammen auf. Für alle von ihnen gibt es kein zurück mehr in die Heimat.

In diesem Umfeld erzählt der Autor Volker Weidermann in seinem Buch über die große Freundschaft zwischen den Schriftstellern Stefan Zweig und Joseph Roth. Beide höchst interessante Persönlichkeiten, die eine enge Beziehung verbindet, ein Verhältnis wie zwischen Brüdern, oft auch wie Vater und Sohn. Da ist Zweig, der erfolgreiche, gefeierte und finanziell unabhängige Autor, und andererseits Roth, der kompromisslose Schriftsteller, der Trinker, der stets von Geldsorgen geplagt ist, ein genialer Schreiber, der seinen literarischen Höhepunkt längst überschritten hat. Eine komplizierte Künstlerfreundschaft – sie können nicht ohneeinander und oft nicht miteinander. In Rückblenden erzählt der studierte Politikwissenschaftler und Germanist Weidermann ihren Werdegang, die Entstehung der gemeinsamen Beziehung und beschreibt ihren letzten gemeinsamen Sommer, 1936 in Ostende.
Dieser Sommer erlebt an der belgischen Küste noch einmal eine Hochzeit der deutschsprachigen Literatur, denn auch Egon Erwin Kisch, Ernst Toller und Irmgard Keun sowie viel andere Exilanten finden sich hier zusammen „Freunde, Feinde, von einer Laune der Weltpolitik in diesem Juli hier an den Strand geworfene Geschichtenerzähler. Erzähler gegen den Untergang.“

Denn die Ferienstimmung ist nicht echt. Jedem der Beteiligten ist klar, dass der sich auf dem Weg ins Exil befindet, dass es kein zurück mehr geben wird und dass eine Lösung für ein neues Leben gesucht werden muss. Und Volker Weidermann begleitet die Akteure dabei in ihrem Prozess, reflektiert ihr Werk und zeigt, wie schwer das Leben für einen Schriftsteller jenseits seines Sprachraums ist. Er verbindet die Leichtigkeit der Sommerfrische, des Boheme-Lebens der Künstler, mit der Verzweiflung der ins Exil Getriebenen, der Menschen mit ungewisser Zukunft, und lässt den Leser diese grausame Zeit der Geschichte aus deren Sicht miterleben. Ein wunderschönes Buch zwischen Leichtigkeit und Tragik und ein faszinierender Ausflug in die Welt großer Literaten.